Politikverdrossenheit? Ja – Demokratiemüdigkeit? Keineswegs – die Spaltung und Verrohung der Gesellschaft ist hausgemacht– notwendig ein neuer Politikstil: „primum non nocere“ (=zuallererst: keinen Schaden anrichten – weg mit „Holzhammer- und „Kahlschlag“methoden. Die Menschen sind nicht demokratiemüde – wie es oft heißt, ganz im Gegenteil – sondern politikverdrossen, wozu die Politiker tagtäglich neuen Anlaß bieten.

Wir als kleine Wähler haben erfahren, daß, egal welche Parteienkonstellation das Land regiert, die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinanderklafft, daß es auch bei guter Ausbildung und besten Qualifikationen keine Arbeit mehr gibt, auf die man stabile, erwartbare Lebensplanung/-verhältnisse aufbauen kann, daß Familien ihrer Sparguthaben durch NullZinspolitik und Inflation enteignet werden, während die Zahl der Milliardäre wächst, daß der europäische Prozeß für die „da unten“ Lohndumping und Arbeitsplatzverlust bedeutet, während andere sich bereichern, daß soziale Absicherungen (Rente, ALG I, Krankenversicherungen, Reha) immer weniger greifen, daß Märkte entfesselt werden und daß keine Politik die Menschen vor der Zerstörung liebgewonnener und erhaltungswürdiger Lebensverhältnisse – Lebensverhältnisse „nach menschlichem Maß“ – durch die radikalisierte Globalisierung schützt.

Viele Bürger gewinnen darüberhinaus zunehmend den Eindruck, daß eine internationalistisch eingestellte politische Klasse, die sich als „Elite“ versteht, sich global vernetzt, alle Jobs, die Macht, Einfluß und Geld bedeuten, unter sich aufteilt und der normale Bürger darauf reduziert wird, sein Arbeitssoll zu leisten, am besten nur noch online zu konsumieren und am wahren Leben nur noch per virtuellem Abklatsch teilzuhaben, ob das nun Fußball, Olympia, Konzerte, Museen oder gehobene Geselligkeitbetrifft. Die Gesellschaft spaltet sich in die Privilegierten (VIPs), die weiterhin Zugang zum echten gesellschaftlichen Leben haben, zu Freiheit und Mobilität, zu Kultur und Reisen, und die „Nutzmenschen“, denen all das zunehmend verwehrt wird. Im schlimmsten Fall können sie dann noch mit anderen „ganz unten“ , wie Leiharbeitern und „Freigesetzten“, Asylsuchenden und Zuwanderern, Schwächeren und seelisch Beschädigten um schlechte Jobs und billige Wohnungen konkurrieren.