Corona-Rückschau

Zur Zeit versuchen Politik und Leitmedien unter dem Stichwort „Corona-Aufarbeitung“ die Deutungshoheit über die Geschehnisse von 2020 bis 2023 zurückzugewinnen.

Auf zwei Artikel aus der ZEIT (Nr. 11, 13. März 2025) habe ich mit einem Leserbrief geantwortet. Da ich nicht davon ausgehe, daß die ZEIT ihn druckt, stelle ich ihn auch in den blog.

Die Autoren Sibylle Anderl und Maximilian Probst sorgen sich, daß Wissenschaft ihre Autorität für künftige gesellschaftliche Weichenstellungen (Klimawandel) verlieren könnte, wenn sie – was seit „Corona“ offenkundig ist – „politisch wahrgenommen“ wird. Die Fehlentscheidungen seien auf der Basis von Mißverständnissen bezüglich des Wesens von Wissenschaft entstanden, die jetzt ausgeräumt werden müßten. Dann werden Gemeinplätze präsentiert, die jeder Soziologiestudent im 1. Semester zu lernen hat, daß Wissenschaft ein soziales System ist, weder wertfrei, noch neutral und daß Wissenschaftler auch Menschen („Söhne, Mütter, Wähler, Aktienbesitzer“) seien. Daß Wissenschaft paradigmengebunden und von Erkenntnisinteressen geleitet ist, hätte man vor 2020 auch wissen können. Die Literatur dazu füllt Regale. Die Autoren argumentieren, die Politiker hätten den Slogan „Follow the Science“ genutzt, um Verantwortung abzuwälzen, indem sie angeblich einer als homogen und objektiv unterstellten Wissenschaft die Entscheidung überließen.

Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn die RKI-Files haben bewiesen, daß es die Politik (vor allem in der Person Karl Lauterbachs) war, die Horrorszenarien, dramatische Eskalation und das gezielte Schüren von Angst gefordert (und dank Weisungsgebundenheit der Institution auch bekommen) hat.

In diesem Zusammenhang ein paar Literaturhinweise:
Hans Blumenberg, Aspekte der Epochenschwelle

Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse
Ludwik Fleck,
Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache.

Ders. Denkstile und Tatsachen
Ders. Erfahrung und Tatsache
Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft

Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang.
Ders. : Erkenntnis für freie Menschen

sowie die gesamte „Finalisierungsdebatte“ in der Sozioloie der achtziger Jahre, die sich u.a. darum dreht, ab welchem Punkt und wie eine bestimmte politische bzw. ökonomische Zweckgebundenheit die Gegenstände und Ergebnisse von Forschung determiniert.

Hier der Text meines Leserbriefes

Ad Die ZEIT, Nr. 11 vom 13. März 2025 – Artikel: Mit Unschärfe leben, von Sibylle Anderl/Maximilian Probst und „Laien müssen einbezogen werden.“und Interview ders. mit Silvio Funtowicz

„Je pluraler die Perspektiven, desto robuster am Ende das Ergebnis.“

Warum bloß gab es solche Sätze nicht im Frühjahr 2020? Warum gab es keine Artikel wie die von Anderl und Probst in der ZEIT, keine Interviews mit kritischen Denkern wie Silvio Funtovicz. Den Wissensstand der beiden Artikel gab es vor drei Jahren schon lange. Statt dessen wurden kritische Wissenschaftler aus der scientific community ausgeschlossen, mahnende Stimmen mundtot gemacht, Menschen, die verzweifelt für ihre Grundrechte auf die Straße gingen, als „Covidioten“ beschimpft und auf Ungeimpfte Hexenjagd gemacht. Das Schlimmste ist, ich bin mir sicher, daß bei der nächsten Herausforderung die öffentlichen Medien, die Judikative und alle zurate gezogenen „Experten“ den sich vor Handlungsverantwortung drückenden Politikern dieselben „Gefälligkeitsurteile“ liefern werden.

Felicitas Englisch